Kritiken

ARCHIPEL MACHAUT im rbb Kulturradio

Alte und Neue Musik - diese Mischung geht hier wunderbar auf. 

Bewertung: KKKKK 

Guillaume de Machaut zählt zu den bedeutendsten Vertretern der frühen Mehrstimmigkeit im ausgehenden Mittelalter. Gleichwohl war er nur im „Nebenberuf“ Komponist und diente hauptsächlich als Kleriker und königlicher Beamter: Im Range eines Sekretärs trat er 1323 in den Dienst König Johanns von Böhmen ein, an dessen Seite er Reisen und Feldzüge quer durch Europa unternahm. Ab etwa 1340 wurde Machaut dann als Kanoniker der Kathedrale Notre Dame in Reims ansässig, wo er bis zu seinem Tode verblieb. Seine „Messe de Nostre Dame“ ist die früheste uns bekannte vierstimmige Vertonung des gesamten Messordinariums. Das Werk wurde noch im 14. Jahrhundert durch zahlreiche Handschriften verbreitet und diente somit nachfolgenden Komponistengenerationen als Leitbild. Aber auch Machauts weltliche Liedformen, darunter Rondeaux und Virelais, besaßen stilprägende Wirkung.

Stimmige Klangmischung 

Auch zahlreiche Komponisten unserer Zeit zeigen sich fasziniert von den komplexen Strukturen in Machauts Werken: Melodische und rhythmische Motive durchdringen die Kompositionen und lassen einen vielschichtigen, aber gleichzeitig überaus ausdrucksvollen Satz entstehen. 

Die neue CD des Ensembles Mixtura mit Katharina Bäuml (Schalmei) und Margit Kern (Akkordeon) macht diese Faszination auf ganz besondere Weise hörbar. Eingespielt wurden zum einen Sätze aus der „Messe de Nostre Dame“ sowie weltliche Lieder von Machaut. Die ungewöhnliche Kombination des mittelalterlichen Blasinstruments Schalmei und eines modernen Akkordeons erweist sich einmal mehr als hervorragende Klangmischung. Der klare, aber doch flexible Ton der von Katharina Bäuml gespielten Schalmei übernimmt meist die Oberstimme, während die anderen Stimmen vom weichen, biegsamen Klang des Akkordeons zu hören sind. Nichts am Spiel von Margit Kern erinnert dabei an „Schifferklavier“ oder Harmonium, vielmehr hat man den Eindruck, ebenfalls ein „historisches“ Instrument zu hören. Dies ist auch dem Können Margit Kerns zu verdanken, die auf dem Akkordeon ein Art „mitteltönige“ Stimmung erzeugt, indem sie die Tasten bei bestimmten Tönen nur zur Hälfte drückt. 

Alt und Neu vertragen sich hervorragend 

Den zweiten Schwerpunkt der CD bilden drei zeitgenössische Kompositionen für Schalmei und Akkordeon, die jeweils in unterschiedlichen Schattierungen von Machaut bzw. der Musik seiner Zeit inspiriert sind. Der Amerikaner Sidney Corbett hat konkrete Motive aus weltlichen Liedern Machauts in seine Komposition „Archipel Machaut“ eingewoben. Sarah Nemtsov verwendet für „Briefe – Heloisa“ ebenfalls originale Machaut-Motive, versieht die Partitur darüber hinaus aber noch mit zahlreichen zusätzlichen Spielanweisungen und Klangeffekten (Flatterzunge, Summen, Mikrotöne, Zusatzgeräusche etc.), dass sich zum Ende des Stückes der Eindruck eines deutlich größeren Ensembles ergibt. Samir Odeh-Tamimi schließlich verzichtet in seiner Komposition „ÒD“ auf konkrete Zitate und bringt seine Erfahrungen traditioneller arabischer Musik ein. Alle drei neuen Werke sind gelungene Klangexperimente, die im wirkungsvollen Kontrast zur streng gemessenen Musik Machauts stehen. In der Mixtur beider Stile und dem hervorragend aufeinander abgestimmten Spiel von Katharina Bäuml und Margit Kern liegt der große Reiz dieser Produktion. 

Bernhard Schrammek, kulturradio 

Archipel Machaut Medieval Music & New Music Werke von Guillaume de Machaut, Sidney Corbett, Sarah Nemtsov und Samir Odeh-Tamimi Ensemble Mixtura: Katharina Bäuml, Schalmei Margit Kern, Akkordeon Genuin GEN 13284 www.kulturradio.de/rezensionen/cd/2013/archipel-machaut-medieval-music-new-music.html Seite 2 von 3 kulturradio vom rbb | Archipel Machaut - Medieval Music & New Music 01.09.13 17:53 LC 12029 4 260036 252842 © Rundfunk Berlin-Brandenburg www.kulturradio.de/rezensionen/cd/2013/archipel-machaut-medieval-music-new-music.html 

 

MINIATURES im rbb Kulturradio

Die CD präsentiert gleich in zweifacher Hinsicht ein bemerkenswertes und faszinierendes Kontrasterlebnis. Auf der einen Seite begegnen einander Schalmei und Akkorden (Mittelalter versus 19. Jahrhundert), auf der anderen neue Musik (Originalkompositionen für dieses Duo) und Liedsätze von Jan Pieterszoon Sweelinck, ergänzt durch drei Bearbeitungen des La Spagna-Tanz-Basses aus dem 15. Jahrhundert. Darüber hinaus begegnen einander zwei Musikerinnen, die absolute Meisterinnen ihrer Instrumente sind. Allein ihre Kommunikation, die jedwedes Repertoire legitimiert, macht die CD zu einem wirklichen Hörabenteuer. Was die Musik von Sweelink betrifft, so handelt es sich genuin um Claviersätze, auszuführen auf Orgel oder Cembalo. Da den Kompositionen, die jeweils Variationenfolgen darstellen, jedoch die Gestalt eines konsequent ausgearbeiteten mehrstimmigen Satzes haben, kann man diese auch einem (wie auch immer besetzten) Ensemble überantworten. Solche Claviermusik ebenso zu realisieren, war in der frühen Barockzeit eine verbreitete Praxis. Und schließlich galt in früheren Jahrhunderten: »Nur eine Bearbeitung ist das Original«. Mit diesem kreativen Ideal, das in der Alten Musik gegenüber der Suche nach dem historischen Klang sogar eine Priorität für sich beanspruchen dürfte, kommunizieren Kern/Bäuml auf gerade ideale Weise. Die vorzügliche Qualität der Tonsätze, die Virtuosität und die subtile Kommunikation der beiden Musikerinnen führen zu einem klanglichen Gesamteindruck, in dem die beiden Instrumente, so heterogen sie auch sein mögen, für diese Musik geradezu als prädestiniert erscheinen. Denn etwa im Vergleich zu Cembalo und Orgel kann man auf einem Akkordeon den Ton dynamisch höchst flexibel gestalten. Etwa im Vergleich mit der Oboe ist die Schalmei in dieser Hinsicht eher eingeschränkt – aber nicht, wenn sie so spielt wie Katharina Bäuml! 

Was die Neue Musik (auch insgesamt) betrifft, sollte man nicht den Versuch unternehmen, ästhetische Qualitätskriterien mit intersubjektiver Verbindlichkeit zu eruieren,  da wir in einer Zeit leben, in der das künstlerische Tun keinerlei normatives Substrat mehr hat. Und so frei wie die Komponisten bei ihrer Gestaltung, sind die Hörer im auditiven Umgang mit der Musik. Einige verbalen Hilfen, die das Assoziationsvermögen des Hörers auf die Intentionen der Komponisten richten, liefert das Booklet. Hier erfährt man unter anderem auch, in welcher Weise sich die Kompositionen auf die Entfaltung der Klangspezifika von Schalmei und Akkordeon richten. In der Neuen Musik sind  solche »Verstehenshilfen« allenthalben        üblich; aber sind sie wirklich notwendig? Sollte nicht schlicht der Bibelspruch gelten: »Wer Ohren hat zu hören, der höre« – in diesem Falle auch zwei Musikerinnen, die mit ihrem Programm – und mit jedem einzelnen Ton – beweisen, dass es zu dem langweiligen Beharrungsvermögen, welches die Musik des klassischen Mainstreams charakterisiert, eine vielfache, vitale Alternative existiert.            KKKKK

Bernhard Morbach